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Teure Lastspitzen bei Großkunden über 100.000 kWh Stromverbrauch: Warum eine Viertelstunde für RLM hohe Nachzahlungen auslösen kann!

Aktualisiert: 14. Mai

Netzbetreiber anläge


Als Gewerbe- und Großkunde mit einem Stromverbrauch von mehr als 100.000 kWh pro Jahr werden Sie womöglich auch mit dem Thema Lastspitzen bei Großkunden und überraschenden Netzkostengebühren konfrontiert. Wer als Betriebsleiter oder CFO die Jahresabrechnung des Netzbetreibers zum ersten Mal genau analysiert, erlebt oft eine Überraschung: Ein erheblicher Teil der Rechnung hat nichts mit dem tatsächlich verbrauchten Strom zu tun, sondern mit den sogenannten Lastspitzen bei Großkunden über 100.000 kWh Jahresverbrauch.

Es geht dabei um vorgehaltene Netzkapazität – und diese wird in Österreich über die sogenannte Viertelstunden-Leistungsmessung ermittelt.

Der Netzbetreiber – ob Wiener Netze, Netz Niederösterreich, Energienetze Steiermark, Linz Netz oder ein regionaler Versorger – muss technisch sicherstellen, dass Ihrem Unternehmen jederzeit die maximale Leistung zur Verfügung gestellt werden kann, die jemals gleichzeitig benötigt wurde. Nicht die durchschnittliche Leistung ist entscheidend, sondern die höchste jemals gemessene Belastung.

Und genau dafür verrechnet der Netzbetreiber den sogenannten Leistungspreis.

Der Leistungspreis (€/kW) wird nicht anhand des durchschnittlichen Jahresverbrauchs berechnet, sondern auf Basis der höchsten gemessenen Viertelstundenleistung – also eines einzigen 15-Minuten-Fensters innerhalb eines Monats oder Jahres. Genau diese kurzfristigen Lastspitzen bei Großkunden können zu erheblichen Zusatzkosten und Nachzahlungen führen.

Wie die Lastspitzenmessung technisch funktioniert

Ab einem Jahresverbrauch von 100.000 kWh werden Kunden als RLM-Kunden (Registrierende Leistungsmessung) eingestuft. Das bedeutet: Ein geeichtes Zählersystem erfasst alle 15 Minuten den arithmetischen Mittelwert der bezogenen Wirkleistung in Kilowatt.

Viertelstundenwert – so rechnet der Zähler: P₁₅ = (Energiemenge in kWh je 15-Min-Intervall) × 4

Beispiel: 250 kWh in 15 Minuten geflossen → P₁₅ = 250 × 4 = 1.000 kW

Jahresleistungspreis (vereinfacht): Kosten = P₁₅_max × Leistungspreis (€/kW) × 12 Monate

Der entscheidende Punkt: Wenn in einem einzigen dieser 35.040 Zeitfenster pro Jahr eine neue Maximalleistung entsteht, ist das der Wert, auf dem der Leistungspreis basiert. Die anderen 35.039 Fenster spielen dabei keine Rolle.

Wie Lastspitzen bei Großkunden in der Praxis entstehen

Lastspitzen sind selten geplant. Sie entstehen fast immer aus operativen Routinen, die niemand als Problem erkannt hat.

Synchroner Schichtstart: 06:00 Uhr – CNC-Maschinen, Kompressoren, Absauganlagen und Beleuchtung starten simultan. Jedes System einzeln harmlos, zusammen eine Spitze von 800+ kW.

E-Mobilität trifft Vollauslastung: Drei Elektro-LKW laden gleichzeitig (je 150 kW) während Kühlung und Produktion auf Hochtouren laufen. Unkoordiniert summiert sich das zu einer neuen Jahresspitze.

Hochfahren nach Stillstand: Nach geplantem Maschinenstillstand starten alle Systeme manuell und damit beinahe gleichzeitig. Strukturell die gefährlichste Situation für eine Lastspitze.

Hitzewelle + Produktionspeak: Klimaanlagen auf Maximum (35°C Außentemperatur), gleichzeitig Sonderschicht wegen Auftragsrückstand. Kein Einzelproblem – aber das Zusammentreffen kostet.

Rechenbeispiel: Eine Lastspitze von 200 kW über dem Vorjahreswert, Leistungspreis 12 €/kW/Monat ergibt eine Mehrzahlung von 200 × 12 × 12 = 28.800 € pro Jahr – entstanden durch ein einziges unkoordiniertes 15-Minuten-Fenster.

Warum Nachzahlungen kommen, obwohl monatlich abgerechnet wird

Die meisten Großkunden zahlen monatlich auf Basis einer Akontorechnung, die in der Regel auf den Messwerten des Vorjahres basiert. Wenn im laufenden Jahr eine neue Lastspitze entsteht, die über dem Akonto-Wert liegt, wird die Differenz am Jahresende nachverrechnet.

  1. Akonto auf Vorjahresbasis: Der Netzbetreiber schätzt die Jahreskosten anhand der bekannten Spitze aus dem Vorjahr. Monatliche Zahlungen laufen auf dieser Basis.

  2. Neue Spitze im laufenden Jahr: Eine neue Maximalleistung wird gemessen. Der Netzbetreiber hält ab diesem Zeitpunkt diese Spitze als maßgeblich fest – unabhängig davon, dass die monatlichen Zahlungen noch auf dem alten Wert basieren.

  3. Jahresendabrechnung: Die Differenz zwischen gezahlten Akontos und dem auf der neuen Spitze basierenden Jahresleistungspreis wird nachgefordert. Hinzu kommen können Netzbereitstellungsentgelte, wenn die Spitze eine dauerhafte Kapazitätserweiterung des Anschlusspunkts bedingt.

  4. Netzbereitstellungsentgelt als Einmalzahlung: Bei einer substanziell neuen Anschlusskapazität kann der Netzbetreiber zusätzlich zum laufenden Leistungspreis ein einmaliges Netzbereitstellungsentgelt verrechnen. Das ist der häufigste Grund für fünf- oder sechsstellige Rechnungsüberraschungen.

Wege, wie Sie Ihre Lastspitzen (und Ihre Rechnung) sofort senken

1. Nacheinander statt gleichzeitig (Anlaufsequenzierung)

Der einfachste Trick: Schalten Sie Ihre Maschinen nach der Pause oder zum Schichtbeginn nicht alle auf einmal ein. Wenn Sie die Starts nur um wenige Minuten versetzen, verhindern Sie, dass sich die Anlaufströme zu einer teuren Spitze summieren. Das kostet fast nichts und erfordert oft nur eine neue Dienstanweisung.

2. Unwichtiges kurz mal Pause machen lassen (Lastabwurf)

Bestimmte Geräte wie Boiler, Heizregister oder Klimaanlagen können oft für ein paar Sekunden oder Minuten ausgeschaltet werden, ohne dass man es im Betrieb merkt. Ein automatisches System erkennt, wenn der Verbrauch kritisch wird, und nimmt diese „nicht-wichtigen“ Geräte kurz vom Netz. Die Reaktion erfolgt blitzschnell und spart sofort bares Geld.

3. E-Autos mit Köpfchen laden (Ladeverzögerung)

Elektro-LKW und Firmenwagen sind echte „Leistungsfresser“. Anstatt alle Fahrzeuge gleichzeitig mit voller Kraft zu laden, regelt ein schlaues Lademanagement die Power herunter, wenn die Produktion gerade auf Hochtouren läuft. Die Autos werden trotzdem voll, aber Ihre Stromspitze bleibt flach.

4. Den Akku-Puffer nutzen (Batteriespeicher)

Ein Batteriespeicher (BESS) ist wie ein Stoßdämpfer für Ihre Stromrechnung. Er springt in den kritischen 15 Minuten ein und liefert den Strom, den Sie sonst teuer vom Netzbetreiber zukaufen müssten. Das Netz bekommt von der Spitze gar nichts mit. Die Investition ist zwar höher, schützt Ihre Prozesse aber perfekt.

5. Den Zeitplan optimieren (Prozess-Verschiebung)

Manche Aufgaben, wie das Befüllen von Drucklufttanks oder das Aufheizen von Öfen, müssen nicht zwingend dann passieren, wenn sowieso schon alle Maschinen laufen. Wenn Sie diese energieintensiven Prozesse in Zeiten mit weniger Betrieb verschieben, glätten Sie Ihre Kurve ganz ohne neue Hardware.

Ihr erster Schritt: Die Daten-Analyse

Bevor Sie investieren, müssen Sie wissen, wo der Schuh drückt. In Österreich haben Sie als RLM-Kunde das Recht auf Ihre Viertelstundenwerte.

Fordern Sie diese Daten bei Ihrem Netzbetreiber an oder schauen Sie ins Kundenportal. Oft sieht man auf den ersten Blick: Ein einziger heißer Tag im Sommer oder der erste Montag nach dem Betriebsurlaub ist für die horrende Jahresrechnung verantwortlich. Wer diesen Moment kennt, kann ihn gezielt entschärfen.


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